viernes, 16 de mayo de 2008

16.05.2008: Stress - Wie gut!

Die letzten 2 Wochen stapelten sich die Aufgaben und Termine in der DAAD-Aussenstelle bis an die Bürodecken. Da meine zwei deutschen Mitarbeiterinnen (die eine ist eigentlich Österreicherin, aber das zählt nicht) gerade auf Urlaub sind, hatten sie mir jeweils eine ellenlange To-do-Liste dagelassen, die ich bis heute fleissigst abgearbeitet habe. Nadiana kommt nämlich bereits am Montag wieder und dann muss ich die ersten Ergebnisse präsentieren. Der DAAD organisiert zur Zeit u.a. eine riesige weltweite Alumnikampagne, und da müssen Altdaten gepflegt, Kontakte wieder- und neuhergestellt, Einladungen verschickt und Events organisiert werden. Und der putzige kleine Praktikant kriegt da natürlich auch sein Eckchen ab. Zudem hab ich diese Woche den Newsletter für Mai geschrieben - einmal monatlich verschickt die Aussenstelle an alle Stipendiaten und sonstige eingetragenen Akademiker eine Rundmail mit aktuellen Stipendiumsangeboten, Master- und Doktorprogrammen in Deutschland oder Sommerakademieangeboten. Das ist eine echt interessante Aufgabe, da ich zum einen auf Spanisch schreiben darf und zum anderen viel über die immensen Möglichkeiten, in Deutschland zu studieren, erfahre. Überhaupt ist dies einer der herausragendsten Vorteile dieses Praktikums - durch die Themen, mit denen ich mich befasse, die Messen an denen ich teilnehme, und natürlich unsere kleine Bibliothek habe ich eigentlich permanenten Zugang zu meiner persönlichen Studienberatung. Denn vieles von dem, was ich hier intern mitbekomme, könnte ich eventuell auf meinen Studienverlauf anwenden. Und da ich immer noch nicht genau weiss, was ich nach meinem ersten Staatsexamen machen werde, sauge ich die ganzen Informationen auf wie ein kleiner raffgieriger Schwamm. SpongeBob Schwammkopf heisst hier übrigens Bob Esponja. Das klingt vielleicht blöd. Calvin und Hobbes heissen hier aber so wie überall und in der Tageszeitung gibt es in jeder Ausgabe einen Comic in Spanisch. Das ist toll. Neben dem Newsletter habe ich angefangen, eine Internetseiten-Erweiterung für den DAAD-Mexiko zu gestalten, damit wir in Zukunft auch über Deutsch-Lern-Möglichkeiten in mexiko und in Deutschland informieren können. Das Inhaltliche haben die Sprachassistentinnen der hiesigen Uni zusammengetragen, das Gestalterische soll ich jetzt machen. Sobald usner Webdesigner alles vorbereitet hat, gehts los. Aber hey, wir sind in Mexico, das kann dauern. Rodrigo, der Webdesigner, wollte eigentlich schon Montag alles fertig haben. Seitdem hab ich nichts von ihm gehört. Wahrscheinlich macht er noch Siesta oder liegt irgendwo komatös auf ner Tequilaparty herum. Da fällt mir ein, dass ich diese Woche zum ersten Mal Mezcal getrunken habe, was meiner Meinung genauso schmeckt wie Tequila, aber ab 40% merke ich da eh keine Unterschiede mehr. Mezcal gibt es auch mit Würmern drin, das trinken die besonders mutigen Mexikaner, während die Mädels gepflegt an Mezcal-Mixturen mit Cocos- oder Vanillegeschmack nippen. Ich trinke gerade nur Tee und warte darauf, dass das Wochenende anfängt. Diese Woche war wirklich ziemlich anstrengend.

martes, 13 de mayo de 2008

10.05.2008: Muttertag a la mexicana und Pfingstgottesdienst

Zufälligerweise einen Tag vor dem Muttertag in Deutschland feiern die Mexikaner dieses Jahr ihren Día de la Madre, welcher gewohnterweise immer auf den 10.05. fällt. Wohingegen man in Deutschland den Muttertag gedanklich halbwegs erfolgreich verdrängen kann und nur allenthalben vom Emailanbieter an den mütterlichen Herzenstag erinnert wird, kann man der Muttertagsmanie in Mexiko nicht entfliehen. Bereits Wochen vorher hängen an allen Ecken riesige Plakate mit glücklichen jungen Frauen und allerliebst verpackten, treusüss zu ihnen aufschauenden Kinderchen. Kaufhäuser bieten allerorts Produkte speziell für Mütter zum Sonderpreis an. In der Metro hängen gar Angebote für besondere Mütter-Handytarife. Die Buchläden holen verstärkt die Mutter-Kind-Literar hervor. Und alles läuft und kauft Geschenke und Blumen und Pralinen und beredet heimlich und aufgeregt, wie man Mutti am allerbesten zu ihrem Ehrentag überraschen könnte, plant Ausflüge, reserviert Restauranttische, übt Liedchen. Es ist völlig abgedreht. Zufälligerweise konnte ich eine Muttertagsfeier selbst miterleben. Bei einer DAAD-Infoveranstaltung einige Tage zuvor hatte ich eine mexikanische Studentin angesprochen, die mir während des Abends als sehr nett aufgefallen war, und sie gefragt, ob wir nicht ein Deutsch-Spanisch-Intercambio machen wollten, und das machten wir dann auch. Einen Tag später lud sie, Dagja, mich zu der Muttertagsgrossveranstaltung im hiesigen Club Aleman ein, indem sich am Samstag die schicke mexikanische Upperclass zum gemeinsamen Schlemmen und Beschwipsen traf. Dagja holte mich mit ihrem Auto ab und wir fuhren gemeinsam einmal quer durch Mexiko-Stadt hin zu dem grünen und grossflächigen Clubgelände. Dort trafen wir ihre Familie und deren Freunde und Dagja stellte mich allen vor, immer mit den Worten, wie amüsant es doch wäre, dass ich hierherkam, Mexiko kennenzulernen, und zuerst einmal im Club alemán, dem Deutschen Club, feiern würde. Naja, immerhin kam keine Bedienung im Dirndl, gab es keine Brezeln und wurde auch keine Polka getanzt, auch wenn Dagja das sehr bedauerte. Überhaupt war ich in dem Club, in dem sich Deutschstämmige sowie deren Familien und Geschäftsfreunde treffen sollen, fast die einzige Deutsche. Dafür kamen an die 200 Mexikaner und der Festsaal war gefüllt mit üppig gedeckten und verzierten runden Tischen, um die galant die Garde von befrackten Kellnern tänzelte. Es wurde ein festliches 4-Gänge-Menü aufgetischt, schön untermalt von Live-Jazzmusik. Das Essen war weder typisch mexikanisch noch deutsch, aber echt lecker. Dagja erzählte mir derweil, dass sie geweint habe, als sie zum ersten Mal deutsches Rollfleisch gegessen hat. Nicht weil es so schlecht gekocht war, sondern eben so lecker.
Mir waren höchstens aufgrund der Schärfe des Essens die Tränen gekommen (und dabei werde ich schon recht emotional beim Essen), aber vielleicht haben die Mexikaner ja eine andere Beziehung zum Essen. Nach dem Dessert gruppierten sich sofort die ersten Pärchen auf der Tanzfläche und trotz meiner wiederholten Beschwichtigung, ich könne kein Salsa tanzen (denn natürlich entpuppten sich einmal mehr sämtliche Leute auf der Tanzfläche als geborene Tänzer), fand ich mich kurze Zeit später ebenfalls dort wieder. Die Leute tanzten, bis der Saal mehr einem tropischen Regenwald als einem klimatisierten Veranstaltungsort glich, und die Wodkaflaschen bis zum letzten Schluck in Orangensaft und GingerAle untergegangen waren (zur Tarnung vor den Kindern). Selbst die Jüngsten übten sich bereits fleissig in Drehungen und Hebefiguren, was süss war, weil in diesem Alter die Mädchen noch grösser sind als die Bubs und mit gestrenger und erfahrener Miene die kleinen überforderten Kerlchen Piruetten drehen liessen. Irgendwann verteilte ein Clown riesige bunte Luftballonstangen und Wuschelpompoms an Holzstäbchen und Jung und Alt fing an, die Dinger im Takt herumzuschleudern, während sich die Musik immer weiter beschwingte. Mittlerweile wurden die bekannten Texte lautstark mitgesungen und ploetzlich rief die Jazzsängerin begeistert, Heute ist Muuuuuuttertag". Woraufhin die tanzende Menge wie angestochen anfing, zu jubeln und zu brüllen und alle irgendwelche umstehenden Mütter umarmten, ganz gleich welche. Es war wirklich ein Fest. Ich fragte mich manchmal, ob die Väter nicht ein bisschen traurig seien, nicht einen ebensolchen Tag für sich zu haben, aber sie schienen alle genauso beglückt wie der Rest.
Nach der Muttertagsparty fuhren Dagja und ich mit ihren Freunden noch weiter in einen ziemlich chiquen Club, der auch Sushi-Restaurant war, um dort schon recht angetrunken noch weiter zu feiern. Dank eines Freundes standen wir alle auf der Gästeliste und ich erkannte einmal mehr den Vorteil von einheimischen Freunden - ohne sie wäre ich sicher nie in diesen szenigen Club gegangen, gleichermassen aufgrund von Preis- und Bekanntheitsfaktor. Immerhin kam ich noch früh genug nach Hause, um ein paar Stündchen zu schlafen, bevor ich mich am nächsten Morgen in den eigentlichen Club alemán aufzumachen: Die deutsche evangelische Gemeinde von Mexiko-Stadt, in der am Sonntag Pfingstgottesdienst war und gleichzeitig 50. Geburtstag des Bestehens der Gemeinde, zu dessen Anlass selbst der deutsche Botschafter eine Rede hielt. Bei den vielen neuen und kulturell ungewohnten Eindrücken ist es auch immer wieder schön, etwas vertrautes und altbekanntes zu finden. So wie in dieser Kirche die Lieder, die ich schon oft mitgesungen habe, die Predigtthemen und die verinnerlichten Liturgien. Zum anschliessenden Kirchencafé bin ich jedoch nicht mehr geblieben. Ich wäre mir ein bisschen eigenartig vorgekommen, allein in dieser eingeschorenen Gemeinde von Leuten, die seit Jahren gemeinsam ihre Zeit in der Fremde verbringen und darum noch viel enger zusammenwachsen als andere Gemeinden. Trotzdem, zu den folgenden Gottesdiensten werde ich bestimmt wieder hingehen, und wenn auch nur wegen der kleinen Insel emotionaler Vertrautheit in diesem sonst noch fremden Land.

miércoles, 7 de mayo de 2008

5.05.2008: Ein Abend mit dem DAAD oder die Verschwendungspolitik des Goethe-Instituts

Am Montag abend trafen sich die DAAD-Lektoren von den wichtigsten Universitäten Mexikos in Mexiko-Stadt zum jährlichen Deutschlehrerkongress. Aus diesem Anlass reservierte der Chef, Herr Spitta, einen grossen Tisch in einem Restaurant in der eleganten Gegend Condessa und lud uns alle ein, mit zu kommen. Das Restaurant hiess "Matisse" und war in rosa und blau gestrichen und mit Reproduktionen des Expressionisten gestaltet. Zuerst war ich ein bisschen nervös bei dem Gedanken an ein Essen mit den hochrangigen DAAD-Mitarbeitern, stellte dann aber schnell fest, dass diese Leute ebenso nett und lustig waren wie meine Kollegen in der DAAD-Aussenstelle. Man hielt sich auch gar nicht lange mit den üblichen SmallTalk-Nettigkeiten auf, sondern fing sogleich an, sich über den Tisch hinweg über die mexikanische Uni-Politik und besonders die deutschen Institutionen in Mexiko aufzuregen. Ein deutsches Aushängeschild kam dabei überraschenderweise gar nicht gut weg: Das Goethe-Institut. Von den DAAD-Lektoren hatte jeder entweder schon für das Goethe, wie es nur genannt wurde, gearbeitet oder viel damit zu tun gehabt. Ein Deutschlehrer, der einen der Lektoren begleitete, erzählte, dass er bis vor einigen Monaten im Goethe-Institut in Monterrey (im Norden Mexikos) unterrichtet habe. Dann gab es jedoch plötzlich neue Sicherheitsbestimmungen für die Goethe-Gebaeude, die von der Zentrale in Deutschland erlassen wurde, und das Institut, welches den irrsinnigen Bestimmungen nicht genügte, musste von einem auf den anderen Tag seine Kurse einstellen. Den hilflosen Lehrern wurde angeboten, ihnen entweder weiterhin 20 Stunden im Monat zu zahlen (bis zur weiteren Entscheidungsfindung) oder ihnen fristlos zu kündigen. Da fast alle Familie in Mexiko hatten, zogen sie die Kündigung vor, um anderweitig irgendwie Geld zu verdienen. Es gelang ihnen auch, private Sprachkurse zu organisieren, die sich mittlerweile zu rentieren beginnen. Das Goethe-Institut indes suchte nach einem anderen, geeigneteren Gebäude und wurde auch fündig. Allerdings muss auch dieses Objekt erst von der Zentrale geprüft werden, und vor April nächsten Jahres ist keine abschliessende Entscheidung zu erwarten. Die Mühlen der Bürokratie mahlen eben langsam. Damit das Gebaeude aber nicht anderweitig vergeben wird, hat es das Goethe-Institut sicherheitshalber schon gemietet, auch auf die Gefahr hin, dass die Prüfung der Zentrale negativ ausfaellt. Bis dahin fliessen deutsche Staatsgelder in gleich zwei repräsentable Häuser mit repräsentablen Mieten, die vom Goethe-Institut nicht genutzt werden.
Von anderen Instituten in Chile erzählte ein Lektor sogar, dass dort seit einiger Zeit keine Festanstellungen an Deutschlehrer mehr vergeben, sondern billige Zeitarbeitsfirmen angeheuert werden. Bei dem Renomme, dass das Goethe in Deutschland geniesst, und den Kursgebühren, die den Schülern abverlangt werden, ist das wirklich ungeheuerlich!
Da ich mich selbst mehrfach erfolglos um einen der heiss umworbenen Praktikaplaetze am Goethe-Institut beworben hatte, lauschte ich der Unterhaltung besonders aufmerksam. Eines war jedenfalls offentsichtlich: An der wichtigsten Repräsentationsinstanz der BRD neben dem Auswärtigen Amt wurde an diese Abend kein gutes Haar gelassen. Nichtsdestotrotz amüsierten wir uns prächtig und es war ein wirklich lustiger Abend, zumal mein Salat einfach köstlich schmeckte und mein Chef mich als Einzige einlud mit den Worten, die Praktikanten würden doch immer alle am Hungertuch nagen. Naja, essenstechnisch kann ich mich gerade zwar überhaupt nicht beklagen, aber wie kann man denn so eine Einladung ausschlagen?

4.05.2008: Guanajuato spielt auf und die Verrückten sind gar nicht verrückt

Die weitere Zeit in Guanajuato war richtig schön. Alle Pläne, noch nach San Miguel de Allende zu fahren, oder zu den Thermalquellen in der Naehe, verwarf ich und genoss einfach nur die Stadt. Freitag abend habe ich einem Konzert des Symphonieorchesters gelauscht. Es spielte Beethoven und Bruckner und der Saal war gut gefüllt mit Zuhoerern. Denen konnte man lustigerweise genauestens ansehen, ob sie Einheimische oder Touristen waren. Die Ansässigen sassen im besten Sonntagsstaat in ihren Reihen. Die Touris hatten die knittrige Bluse aus dem Rucksack gezerrt oder versuchten, ihre FlipFlops mit hübschen Tüchern oder Schmuck zu rechtfertigen. Das Konzert selbst war grossartig. Ich bin ehrlich gesagt noch nie aus eigenem Antrieb und vor allem alleine in ein klassisches Konzert gegangen. Umso mehr freute ich mich darüber, wie mitreissend das Orchester spielte. Vor allem von der Sinfonie Bruckners war ich völlig hingerissen. Bisher hatte ich von Bruckner nur so eine vages unschmeichelhaftes Bild von einem uninspirierten langweilig-verkniffenen Perfektionisten im Kopf, von dem ich auch nicht mehr weiss, wo es herkommt. Doch diese wundervolle Sinfonie stellte den vorherigen Beethoven noch ganz und gar in den Schatten. Sie sparte an keiner Stimmung, schwankte zwischen zart und verhalten und donnernd und dramatisch und liess dem Zuhörer nie genug Zeit, sich in einer Stimmung sicher zu fühlen und auszuruhen, sondern riss ihn immer weiter mit im Strudelmeehr der Töne. So begeistert war ich, dass ich danach trotz Halsweh und Müdigkeit mich noch den Estudiantinas anschloss und mit einem Quesadillo in der Hand (feurig scharf gefüllte Tortillas) singend durch die Gassen zog.
Den nächsten Tag ging ich nach dem Frühstuecken ein bisschen bummeln. Als ich an einer Kirche vorbeikam, sah ich zwei Bräute in sahnebaissermässigen Hochzeitskleidern vor dem Kirchenportal warten. Kurzerhand setzte ich mich in eine der hinteren Reihen in der Kirche und schaute mir die Doppeltrauung an. Das war schon recht romantisch. Leider stand neben dem Altar ein Riesengerüst und immer wieder liefen Touris, die ein bisschen schwer von Begriff waren, durch das Kirchenschiff und machten geräuschvoll Photos. Das wird bei mir mal anders laufen, ganz klar. Später verzog ich mich mit einem Buch und einem Pappkaffee auf den Berg mit dem Aussichtspunkt, um dort auf einer schattigen Bank den Ausblick zu geniessen und meinen Sonnenbrand vom Vortag zu pflegen. Zwischendrin hatte ich vorsorglich noch eine Theaterkarte für den Abend ergattert. Im Teatro Juarez, dem ältesten und schünsten Theater der Stadt, sollte Lope de la Vegas Stueck "Die Verrückten von Valencia" aufgefuehrt werden. Als ich mit einer Kugel Eis in der Hand zum Theater schlenderte, sah ich aber schon von weitem die breite, ganz von klatschenden und johlenden Leuten besetzte Theatertreppe. Anlass für den Spass war ein Clown am Fuss der Treppe, den ich persönlich ziemlich unlustig fand. Ich versuchte daher einfach nur irgendwo einen Platz in der Menge zu finden und in Ruhe mein Eis zu essen und die Leute zu beobachten. Es war aber gar nicht so einfach, einen Weg durch die Menge zu bahnen, und ich muss mich ganz schön dämliczh angestellt haben, denn plötzlich richteten sich alle Augen auf mich. Offensichtlich hatte mich der Clown zu seinem Opfer erkoren und kam die Treppe herauf auf mich zu. Die Leute fanden das urkomisch und riefen lachend, Beso, Beso. Ich hatte aber wiederum überhaupt keine Lust, den doofen Clown zu küssen, und sprang weiter nach oben, bis kein Durchkommen mehr war. Zu seiner Enttaeuschung musste sich der Clown aber mit einem Kuss auf die Wange zu Frieden geben. Als er das nächste Mal mürrisch in meine Richtung guckte, warf er mir ein riesiges Stück Stoff entgegen, mit den Worten, mein Röckchen würde ihn ablenken. Na gut. Mexikaner! Kurz darauf öffneten sich die Türen des Theaters und ich verzog mich aus dem Wirkungskreis des verrückten Clowns, der schon wieder irgendwelche vorbeilaufende Mädchen nervte, ins Innere des Theaters. Was für ein zauberhaftes Haus! Allein sich das Theater anzuschauen, lohnte schon den Besuch des Stückes. Die Bühne wurde von prächtigen schweren roten Samtvorhängen verborgen und der Zuschauersaal war mit ornamentreichen Wandmalereien verziert. Vom Stück verstand ich aufgrund des jahrhundertealten Textes nur ein Drittel, dafür war die Darbietung der Schauspieler umso lustiger. Die "Verrückten von Valencia" spielt nämlich in einem Irrenhaus, in welchem sich ein Edelmann verstecken muss, weil er verdächtigt wird, den Prinzen getötet zu haben. Um nicht aufzufallen, tarnt er sich selbst als Geistesgestörter. Dann wird jedoch eine hübsche junge Frau eingeliefert, die ebenfalls nicht verrückt ist, und sie verlieben sich ineinander, ohne voneinander zu ahnen, dass sie beide nur aus verschiedenen Gründen ein Versteck suchen, und gar nicht verrückt sind. Natürlich gibt es noch eine Menge anderer Personen, die alle auf die ein oder andere Weise in einander verliebt oder gestört sind und es gibt ein ziemliches Trara. Und alles endet wie bei Shakespeare in einem grossen, alles auflösendem Gefühlsspektakel.
Die letzte Nacht im unfreundlichen Stinkehostel verging dann auch noch und ich machte mich am nächsten Morgen wieder auf "nach Hause", in meine liebe kleine Wohnung auf dem Dach.

martes, 6 de mayo de 2008

2.05.2008: Totenkult in Mexiko

Das "Museo de las momias" ist eine der Hauptsehenswuerdigkeiten in Guanajuato. Ausgestellt werden jedoch keine Mumien im klassischen Sinne, also keine nach aegyptischer Art und Weise praeparierten Koerper. Heutzutage versteht man laut Mumienmuseum unter einer Mumie einen Koerper, der nach seinem Tode so vertrocknet ist, dass er seine Gestalt behaelt und ebenso konserviert werden kann wie zur Stunde seines Todes (naja, fast...).
In Guanajuato gibt es besonders viele dieser Mumien aufgrund einer besonderen Friedhofsregelung. Frueher durften die Toten in Guanajuato nur fuer fuenf Jahre in ihren Graebern ruhen. Wenn dann die Angehoerigen die Kosten danach nicht mehr tragen wollten, wurden die Ueberreste exhumiert (es soll allerdings auch die Verfahrensweise geben, dass Menschen direkt nach ihrem Tode mumifiziert werden - in diesem Falle hatte die Familie vorher die Entscheidung getroffen. Fuer den Toten stellt dies eine besondere Ehre dar, da er - meist in seinem besten Sonntagsstaat - fuer die Nachwelt erhalten bleibt). Viele dieser lufgetrockneten Koerper kann man sich im Museum anschauen. Es ist aber allgemein bekannt (sagt Stefan), dass Europaeer ziemlich bestuerzt auf die Ausstellung reagieren. Mir geht es dabei nicht anders. In den Raeumen las ich mir noch interessiert die Ausstellungstafeln durch und warf nur hin und wieder einen Blick auf die ledernen, mit Stoff- und Hautfetzen bedeckten Skelette. Dann kam ich aber in den Raum der "Angelitos", exhumierte Leichen von Babys. Sie werden Angelitos (Engelchen) genannt, weil man annahm, dass sie aufgrund ihres Alters noch so rein und unschuldig seien, dass sie direkt in den Himmel aufgestiegen waren. Angesichts dieser "Ausstellungsobjekte" verging mir allerdings die letzte morbide Lust, mir das Museum weiter anzusehen und ich stapfte zum Ausgang, so wie viele Europaeer vor mir. Die mexikanischen Reisegruppen hingegen verweilten lange in jedem Raum und liessen sich von ihrem Museumsfuehrer begeistert die kulturellen Hintergruende und Entstehungsgeschichten der einzelnen Mumien erklaeren. Hierin zeigt sich ein ganz wesentlicher Unterschied der mexikanischen Umgangsweise mit dem Tod zu unserer europaeischen, weshalb ich trotz meiner Abneigung gegen das Museum sehr fasziniert von dem Thema bin. In Mexiko sagt ein Sprichwort: "Der Mexikaner sucht , streichelt, foppt, feiert den Tod und schlaeft mit ihm. Er ist sein Lieblingsspielzeug und seine teuerste Geliebte". Das Spielerische spiegelt sich vor allem in der Begeisterung der Jugendlichen fuer "lebensmuede" Aktionen wieder, wie Autorennen in engen Tunneln. Derjenige gewinnt, der dem Tod am unbekuemmertsten ins Gesicht sieht. Die staendige Praesenz des Todes kommt aber besonders durch den Día de los muertos, einen der wichtigsten nationalen Feiertage, zum Ausdruck. Dieser Feiertag entspricht im urkatholischen Mexiko unserem Totensonntag. Doch wohingegen man in Europa in aller Stille und Trauer den Verstorbenen gedenkt, wird in Mexiko gefeiert. Für die Toten werden kleine Opferschreine mit Blumen und ihren Lieblingsessen im Haus der Familie aufgebaut. Dann findet sich die ganze Familie zusammen und bittet gemeinsam die verstorbenen Seelen zu Tisch. Zusammen ist, trinkt und tanzt man ausgelassen bis zum spaeten Abend. Schliesslich begleitet man die Toten zurueck zum Friedhof und verabschiedet sich von ihnen bis zum nächsten Jahr.
Dieses exotische Zeremoniell zeigt, wie der Tod in Mexiko aus der Stille des Privaten in die Öffentlichkeit geholt wird. Leben und Tod scheinen nicht wie bei uns zwei getrennte Welten zu sein, sondern nur zwei Aspekte der gleichen Realität. Der offene Umgang der Mexikaner mit dem Tod ist überall ersichtlich durch das Symbol des Skeletts. Im Frida-Kahlo-Haus schmücken grosse bunte Pappmaché-Skelette den ganzen Innenhof. An den Souvenir-Ständen gibt es haeufig kleine Skelett-Figuren oder Schluesselanhaenger zu kaufen. Auch die stilisierte Figur des Todes mit ihrer Sense und dem schwarzen Umhang ist auf Raeucherstaebchenverpackungen, Suessigkeiten oder als Faschingskostuem im Schaufenster zu sehen. Oder bei feierlichen Umzuegen, fuer die sich die Leute Totenkopffratzen ins Gesicht schminken.
Auch wenn mich diese Tradition etwas befremdet, wuerde ich mir wuenschen, dass wir uns ein bisschen dieser gemeinschaftlichen Erinnerung an die Verstorbenen, der gemeinsamen Trauerbewaeltigung und der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit abschauen wuerden.

domingo, 4 de mayo de 2008

2.05.2008: Ein Morgen in Guanajuato

Mein Tag beginnt mit einem koestlichen Fruehstueck in einem urgemuetlichen Café an einer der Plazuelas in Guanajuato (das Fruehstueck im Hostel, dass man traurig und allein im dunklen Gang vor sich hin muemmelt, zaehlt nicht). Es gibt Eier nach mexikanischer Art (scharf!), dazu Frijoles-Bohnenbrei (klar...), und Kaffee (fuer 2 Euro). Perfekt. Die Sonne scheint warm (vieeeeeeeel waermer als in D.F.), irgendwo im Hintergrund spielt ein Klavier. Ein Springbrunnen plaetschert vor sich hin. Leute schlendern ueber den Platz. Dicke mexikanische Kinder fuettern dicke mexikanische Tauben. Ploetzlich kommt ein riesenhaftes furchteinfloessendes Kaefertier angeflogen und will mir an mein Ruehrei. Ich krietsche beherzt und schlage mit der Zeitung um mich. Die Leute gucken kurz bestuerzt, Kaefertier verschwindet und alles wird wieder ruhig und angenehm. Ich hab ein bisschen Schnupfen von der kalten Hostelnacht. Das steht heute an: Es gitb ein Mumienmuseum in Guanajuato, welches ich mir anschauen werde. Und heute abend gehe ich ins Konzert. Im Teatro Principal spielt naemlich jeden Freitag abend das Symphonie-Orchester von Guanajuato. Da machen sich alle Einwohner schick und gehen hin. Sagt Stefan. Also ich auch.

1.05.2008: Kurzurlaub in Guanajuato

Heute ist scheinbar in aller Welt Feiertag und so auch hier. Also habe ich einen meiner kostbaren Urlaubstage auf morgen gelegt, um fuer ganze 4 Tage der Grossstadt zu entfliehen und mir ein bisschen Mexiko anzuschauen. Die Zeit reicht zwar nicht aus, um an den Atlantik oder den Pazifik zu fahren, wohl aber, um die kleinen Hochland-Staedtchen im Norden kennenzulernen.
5 Stunden mit dem Bus entfernt von Mexiko-Stadt liegt Guanajuato, eine beruehmte alte Universitaetsstadt, umrahmt von maechtigen Bergen. 1988 wurde Guanajuato zum Weltkulturerbe ernannt, und zwar gleich die ganze Stadt. Die Einwohner tun seither alles, um diesen UNESCO-Status nicht zu gefaehrden. So gibt es keine Ampeln oder Leuchtreklamen in der Stadt, ganz zu schweigen von aufreibenden Brueckenbaudiskussionen. Dafuer aber jedemenge Muelleimer, von denen man in Mexiko-Stadt nur traeumen kann. Der innerhalb der letzten Jahre stetig gewachsene Verkehr wurde kurzerhand in ein ebenfalls fleissig wachsendes Netz unterirdisch verlaufender Tunnel geleitet. Das Resultat dieser Bemuehungen ist ein wunderbar sauberes und angenehmes Stadtbild. Den UNESCO-Status bekam Guanajuato uebrigens fuer seine hervorragend erhaltene, zusammenhaengende Kolonialarchitektur. Zwar haben auch hier die Bewohner mit den harten Denkmalschutzauflagen zu kaempfen und muessen sich selbst wegen eines kleinen Innenumbaus eine offizielle Erlaubnis holen. Guanajuato ist aber so huebsch, dass es wirklich ein grosser Verlust waere, es wie manch andere Stadt verlodern zu lassen.
In der Naehe von Guanajuato befinden sich ausserdem die beliebten Ausflugsorte San Miguel de Allende (auch Saint Mike genannt, weil dort so viele Amerikaner ueberwintern), Dolores Hidalgo oder auch Thermalquellen, in denen man wundervoll seine mueden Knochen waermen lassen kann.
Na mal sehen, im Moment bin ich noch nicht muede, sondern voller Entdeckungsdrang. Mein erster Ausflug. So eine Freude. Heute morgen stellte ich mir also auf 6 Uhr den Wecker, um mir bei Sonnenaufgang das erste Taxi zu schnappen und zum Busbahnhof Terminal de Norte zu fahren. Von dort aus fahren alle Busse Richtung Norden (insgesamt gibt es 3 grosse Busbahnhoefe in Mexiko-Stadt, die man je nach Fahrtrichtung auswaehlt). Angenehmerweise gibt es nicht nur ein unglaublich ueberteuertes und unfreundliches Busmonopol (...Saenk yu vor traeveling mit...), sondern viele verschiedene Unternehmen, die gegenseitig ihre Preise in den Keller druecken. Dadurch kann man naemlich mit einem traumhaften 1.Klasse-Reisebus 5 Stunden ueber die Lande schweben und braucht dafuer nur sage und schreibe 20 Eus zu bezahlen. Immerhin! Neben brandneuen Kinofilmen und Boardtoilette (die man auch benutzen darf, sonst ist das ja immer so ne Art Atrappe) haben viele dieser Busse auch nur 3 Sitze statt 4 pro Sitzreihe. Das heisst, dass Alleinreisende wie ich, denen daran etwas liegt, auch allein sitzen koennen (keine boesen Ueberraschungen beim Einsteigen bezueglich des Sitznachbarn, mit dem man die naechsten Stunden auf engstem Raum verbringt). Das ist toll. Kopfhoerer gibts auch und hochklappbare, gepolsterte Beinstuetzen. Mir wurde vor lauter Freude nicht mal schlecht.
So kam ich voellig ausgeruht am Busbahnhof in Guanajuato an. Der ist noch 6 km von der eigentlichen Stadt entfernt, aber mein Reisefuehrer ist fast sowas wie ein Einheimischer und weiss promt, wo es lang geht und welchen Bus ich nehmen muss. ich find ihn echt klasse. Er heisst Stefan - Stefan Loose. Stefan ist kein schoener Name, aber da kann ja Stefan nichts dafuer. Ich werde ihn von nun an Stefan nennen, wegen der persoenlichen Note. Dank Stefan war ich also schon 15 Minuten spaeter im Zentrum.
Mein Hostel ist leider nicht so traumhaft wie der Reisebus. Das Lobenswerteste ist der Preis, und dementsprechend laesst alles andere etwas zu wuenschen uebrig. Es mueffelt ziemlich (ich glaue, ein Klo leckt), die Decken sind verdammt duenn, mein Schlafsaal dient gleichzeitig als Abzugshaube fuer die fensterlose Kuech davor, und es gibt auch keinen Aufenthaltsraum (fuer Alleinreisende ein ueberlebenswichtiges Detail, da es ueber glueckliche, gesellige Stunden oder soziale Isolation entscheiden kann). Na, mir schnuppe. Ich geniesse es sehr, durch die allerliebsten Gassen der Stadt zu tiegern, mir die Maerkte anzuschauen oder in einem der zahllosen kleinen Cafés zu sitzen, die sich hier in Huelle und Fuelle an den vielen kleinen Plaetzen finden. Und gluecklicherweise sind die Einheimischen so nett, dass man schnell mit ihnen ins Gespraech kommt (was ja auch dem Spanisch nuetzt, nech). Nach einer ersten Stadterkundung hab ich mir meine Kamera geschnappt und bin auf den hoechsten Aussichtspunkt der Stadt, Pípila, gestiegen. Stefan erzaehlte irgendetwas von 15 min, die man fuer den Aufstieg braucht. Aber das ist ausnahmsweise Bloedsinn. Muss man (ich) doch bereits nach der Haelfte des Weges nach jeder Stufe Halt machen und irgendwie das Pfeiffen in der Lunge unter Kontrolle kriegen. Immerhin liegt Guanajuato noch hoeher als Mexiko-Stadt. Irgendwann bin ich dann aber doch oben angekommen und genoss den fantastischen Ausblick ueber das kunterbunte Staedtchen im Tal und die gewaltigen Berge dahinter. Mexiko ist schon verdammt wundervoll auf seine Art und Weise! In diesem Moment war ich sehr froh, hergekommen zu sein.
Am Abend setzte ich mich in ein kleines Café und guckte mir die immer wieder vorbeiziehenden Estudiantinas, studentische Musikantengruppen in traditionellen Gewaendern, an, die von Scharen begeisterter Stadtbewohner und Turisten begleitet wurden, allerorts stehenblieben und sangen oder die Leute zu den Strassenstaenden mit den Tortiallas und Quesadillas lockten. Und ich war seh zufrieden mit meinem Kurzurlaub.